Ausgabe Herbst 2014 "Chancen und Risiken"

Unsichtbares Risiko

Wie gefährlich sind Strahlen wirklich?

Wir nehmen Strahlenbelastung durch diagnostische und therapeutische Verfahren in der Medizin in Kauf, weil wir überzeugt sind, dass eben diese Verfahren sehr wesentlich dazu beitragen, immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft ein hohes Alter bei guter Gesundheit zu bescheren. Dennoch haben wir ein ungutes Gefühl, wenn wir Strahlen ausgesetzt werden. Uns ist klar, dass sie eine unsichtbare Gefahrenquelle darstellen, die wir nicht völlig einschätzen können.

Unsichtbares Risiko: Wie gefährlich sind Strahlen wirklich?

Strahlung ist überall. Sie gehört zu unserer natürlichen Umwelt. Wir begegnen ihr beim Sonnenbad am Strand, beim Flug in den Urlaub und beim Wandern in den Bergen. Licht, Höhenstrahlung und die natürliche Radioaktivität der Gesteine wirken auf die Zellen unseres Körpers ein und können Schäden hervorrufen. Jeder, der schon einmal einen Sonnenbrand hatte, weiß wovon die Rede ist. Andererseits ist unser Leben ohne Sonnenstrahlung nicht möglich.

Auf die Dosis kommt es an

Diese Erfahrung lehrt uns aber auch, dass der Körper in der Regel mit den Strahlenbelastungen unseres Alltags ganz gut zurechtkommt: Die Haut regeneriert, ein Sonnenbrand verheilt. Das Schadensrisiko hängt einerseits von der Dosis ab, also der Strahlenmenge, der wir ausgesetzt sind. Wer zu viel Zeit auf der Sonnenbank verbringt, der überfordert auf lange Sicht seine Selbstheilungskräfte und riskiert einen Hautkrebs. Andererseits spielt die Energie der Strahlenart eine Rolle: Röntgenstrahlung ist intensiver und dringt tiefer in den Körper ein als UV-Licht. Deshalb erfordert der Umgang mit energiereichen Strahlen besondere Sorgfalt und Umsicht.

„Wir unterscheiden Strahlenbelastungen, die nur mit einem statistischen Risiko behaftet sind und in den allermeisten Fällen keine Schäden hervorrufen, von Strahlenbelastungen, die in jedem Fall Schäden bewirken“, erklärt der Radiologe, Chefarzt Prof. Dr. Till Heusner. Eine Röntgenuntersuchung gehört in die erste Gruppe. Bei fachgemäßer Anwendung liefert sie Informationen, die eine Diagnose ermöglichen, ohne den Patienten zu gefährden.

Schaden kann nutzen

Es gibt aber auch Therapien, die gerade auf der schädigenden Wirkung von Strahlen beruhen. Es ist der Sinn von strahlentherapeutischen und nuklearmedizinischen Verfahren, zum Beispiel Krebsherde gezielt zu zerstören. „Deshalb benötigen wir in der Strahlentherapie eine Dosis, die in einem eng umgrenzten Gebiet hohe Wirkung zeigt, ohne dass es Nebenwirkungen in der Umgebung gibt“, sagt Chefarzt Dr. Ralf Jany. „Das erreichen wir mit Geräten, die Strahlung gut bündeln, und indem wir Richtungen und Winkel für die Einstrahlung wählen, die möglichst wenig umliegendes Gewebe beeinträchtigen. So können wir heute bei weniger Nebenwirkungen höhere Dosen einsetzen und haben größere Erfolge.“

„In der Nuklearmedizin“, ergänzt Chefarzt Dr. Berthold Piotrowski, „nutzen wir Antikörperreaktionen oder Stoffwechselprozesse, um zum Beispiel in der Schilddrüsentherapie Teilchenstrahler wie Jod-131 gezielt in das erkrankte Gewebe einzuschleusen, damit sie örtlich begrenzt wirken können. Das hat sogar zur Folge, dass die Patienten für eine kurze Zeit unter das deutsche Strahlenschutzgesetz fallen und isoliert werden müssen, weil sie vorübergehend Träger einer Strahlenquelle sind.“

Einsatz mit Umsicht

Regelmäßige Messungen zur Überprüfung der Geräte erfolgen durch einen Medizinphysiker.
Regelmäßige Messungen zur Überprüfung der Geräte erfolgen durch einen Medizinphysiker.

Die Patienten vor unerwünschten Strahlenwirkungen zu schützen, hat in der Medizin hohe Priorität. Es muss immer von einem entsprechend ausgebildeten Facharzt geprüft werden, ob eine Untersuchung oder eine Therapiemaßnahme angemessen ist oder ob es alternative Verfahren ohne Strahlenbelastung gibt, die zu demselben Ergebnis führen. Auch Doppeluntersuchungen sind, wo immer möglich, zu vermeiden. „Wenn dies alles geklärt ist“, so Prof. Heusner, „versuchen wir mit möglichst strahlensparenden Verfahren das beste Ergebnis zu erzielen.“

So ist eine Computertomographie sicher ein vergleichsweise strahlenbelastendes Verfahren. Aber das damit verbundene statistische Risiko, so die einhellige Überzeugung der Experten, ist mehr als gerechtfertigt, wenn durch die Untersuchung zum Beispiel eine Krebserkrankung frühzeitig entdeckt und lokalisiert wird und mit dem Ziel einer Heilung behandelt werden kann. Jedenfalls, versichern die Chefärzte, gebe es keine Nachweise für Todesfälle, die auf medizinische Strahlenbelastung durch fachgerechte Untersuchungen zurückgeführt werden können. An nicht oder zu spät erkrankten Krebserkrankungen versterben hingegen Jahr für Jahr sehr viele Menschen.

Kontakt

St. Marien-Hospital
Radiologie: Tel. (02381) 18-2650
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