Ausgabe Herbst 2016 "Schmerz lass nach"

Unbewältigte Vergangenheit

Wenn das Gestern schmerzt …

„Die Generation in den Seniorenheimen ist von den Erfahrungen in Krieg und Nachkriegszeit geprägt“, berichtet Kristina Merita Benggok, die Seelsorgerin am Christinenstift in der Dortmunder Innenstadt. „Damals galten andere Regeln und die Umstände waren mit den gegenwärtigen nicht vergleichbar. Im Rückblick erscheint heute vieles schlecht, was damals selbstverständlich war. Unsere Senioren leiden oft schmerzlich unter Erinnerungen, die sie nicht loslassen können.“

Unbewältigte Vergangenheit: Wenn das Gestern schmerzt …

Die Betroffenen sind zum Beispiel ältere Frauen, die der Gedanke verfolgt, Fehler in ihrer Rolle als Mutter bei der Kindererziehung gemacht zu haben. Die Selbstzuschreibung von Schuld bereitet seelische Schmerzen, vor allem, wenn die Verhältnisse zu den Kindern oder Schwiegerkindern zerrüttet sind. Weh tut es auch, wenn die Senioren sich des Gefühls nicht erwehren können, abgeschoben zu werden. Der Verlust der eigenen Selbstständigkeit und der Gedanke, ausgeschlossen zu sein, treffen besonders schwer.

Menschen dieser Generation entwickeln unter dem Eindruck ihrer eigenen Erziehung leicht eine verhängnisvolle Gefühlsvermischung, in der sich Angst und Schmerz auf ungute Weise verbinden, erklärt Merita Benggok. Ihre Eltern und Lehrer haben ihnen das Bild eines strafenden Gottes eingeimpft. Eine schlechte Mutter, die ihre Kinder vielleicht geschlagen hat, wird demnach in die Hölle gehen. Das schlechte Gewissen vermengt den Schmerz um die verlorene Verbindung zu den Kindern mit der Angst vor den Konsequenzen ihres einst akzeptierten, heute jedoch verfemten Verhaltens.

Die traumatisierenden Ereignisse sind zwar oft lange her, aber die unbehandelten Wunden sind geblieben. Als Seelsorgerin sieht Merita Benggok ihre Aufgabe darin, den betroffenen Menschen ein positives Gottesbild zu vermitteln. Sie erklärt ihnen, dass Gott Wunden heilt und dass sie Vertrauen in seine Barmherzigkeit setzen dürfen.

„Menschen, die mit ihrem Leben zurechtkommen oder sich damit versöhnt haben, können auch in Ruhe sterben“, sagt die Seelsorgerin. „Menschen mit nicht verarbeiteten Problemen leiden und werden, weil sie keine Kraft haben, aggressiv oder blockieren.“ Deshalb ist auch eine überzeugende Aussöhnung mit Kindern und anderen Lebensgefährten von eminenter Bedeutung für den Seelenfrieden der Menschen an ihrem Lebensende.

Bilanzziehen und ein Gefühl der Rechenschaftspflicht sind typisch für Menschen, denen ihre Endlichkeit vor Augen steht. Sie gestehen sich ein, dass es Defizite in ihrem Leben gibt, die nicht vergolten sind. Solange sie noch im Beruf tätig waren und im Leben standen, konnten sie derartige Gedanken erfolgreich ausblenden. Wenn sie alt, krank und vielleicht einsam werden, kommt die Erinnerung wie in einem biografischen Film. Enttäuschungen, Verletzungen und Schuldgefühle steigen auf.

Es braucht viel Geduld, bis Merita Benggok die Menschen davon überzeugen kann, dass niemand vollkommen ist und jeder macht Fehler. „Jeder hat positive und negative Seiten“, sagt sie, „es braucht Zeit, um die Kraft zu finden, nicht nur die negativen, sondern auch die positiven Erinnerungen zu sehen. Das fällt der alten Generation schwer, die keine Gelegenheit gefunden hat, über ihre Probleme zu sprechen, und alles für sich behalten hat. Bei ihnen leidet am Lebensende die Seele.“

Kontakt

Christinenstift
Tel. (0231) 18201-0
merita.benggok@christinenstift.de