Ausgabe Herbst 2016 "Schmerz lass nach"

Seelische Schattenwürfe

Es tut weh, aber niemand will es glauben!

Ob und wie weh es tut, weiß immer nur der Betroffene selbst. Schon der körperliche Schmerz wird von Mensch zu Mensch, aber auch vom Einzelnen von Situation zu Situation unterschiedlich wahrgenommen. Hier zeigt sich der Einfluss der seelischen Befindlichkeit. Er kann so stark sein, dass er sich in Schmerzen ausdrückt, obwohl medizinisch gar keine Ursachen gefunden werden.

Seelische Schattenwürfe: Es tut weh, aber niemand will es glauben!

Was heute ein großes Unglück ist, lässt uns morgen völlig kalt. Ein Kind, das ins Spiel vertieft ist, merkt oft gar nicht, dass es sich verletzt hat. Erst wenn das Spiel vorbei ist, kommt der Schreck und es weint bitterlich. „Wie ich mich seelisch fühle, hat einen Einfluss darauf, wie ich Schmerz wahrnehme. Nicht nur der Schmerz beeinflusst mein seelisches Befinden, sondern auch mein seelisches Befinden beeinflusst den Schmerz“, stellt der Psychiater Chefarzt Dr. Harald Krauß vom Marien Hospital in Dortmund fest.

Ganz gleich, wie sehr das verletzte Kind sein Leid beklagt: Dass es einen Grund zur Klage hat, ist unbestreitbar und offensichtlich. Doch nicht immer lässt sich für Schmerzen so eindeutig eine Ursache benennen. „Wir alle kennen die Fälle, bei denen sich ein Patient trotz erheblicher Befunde an der Wirbelsäule offenbar schmerzfrei bewegen kann, während ein anderer Patient ohne entsprechende Befunde über unerträgliche Rückenbeschwerden klagt“, sagt Professor Dr. Karl Heinz Beine, der Chefarzt der Psychiatrischen Klinik am St. Marien-Hospital in Hamm. „Es gibt Menschen, die mit schweren Schmerzen relativ gut leben können, und solche, die mit ihren Schmerzen überhaupt nicht zurechtkommen. Wir Ärzte sind gut beraten, die Angaben eines Patienten ernst zu nehmen. Wir sollten ihm nicht zur Last legen, dass mit den Mitteln der modernen Medizin keine Ursache entdeckt werden kann, und ihm unterstellen, er müsse sich nur mal ein bisschen zusammenreißen.“

Irrfahrt der Hilfesuchenden

Es dauert mitunter sechs Jahre, manchmal auch noch länger, bis Menschen mit Schmerzen, für die niemand eine Ursache findet, endlich in psychiatrische Behandlung kommen. Auf ihrer Irrfahrt von Arzt zu Arzt haben sie unzählige ergebnislose Untersuchungen über sich ergehen lassen. Einige mussten sogar Operationen hinnehmen, die keine Linderung brachten. Die Psychiater geben sich dennoch zuversichtlich, dass der Einfluss der Psyche auf Schmerzerfahrungen von ihren schulmedizinischen Kollegen immer häufiger in Betracht gezogen und zunehmend stärker berücksichtigt wird.

Die Patienten selbst haben oft keinen Blick dafür, dass Schmerzempfindungen nicht nur von körperlichen Ursachen abhängen, berichtet Dr. Krauß. Erst wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden, fällt ihnen auf, dass das erste Auftreten ihrer Beschwerden vielleicht mit bestimmten Ereignissen in ihrem Leben zusammenfällt, die sie seelisch nicht verarbeitet haben. Professor Beine spricht in diesem Zusammenhang von einem chronischen Unvermögen, Belastungen des Lebens zu erkennen und sich zur Wehr zu setzen: „Eine solche chronische Überforderung, eine solche chronisch nicht bemerkte Unzufriedenheit mit dem Leben kann sich dann in Schmerzzuständen äußern, die sehr vergleichbar mit körperlichen Schmerzen sind.“ Zugleich warnt er aber auch umgekehrt davor, körperliche Befunde leichtfertig auf seelische Ursachen zurückzuführen. „Es gab Zeiten, in denen wir das Magengeschwür für eine psychosomatische Erkrankung hielten“, gibt er zu bedenken. „Heute wissen wir, dass die Ursache eine Infektion mit Helicobacter-Bakterien ist.“

Es gibt noch eine weitere Gruppe von Patienten, die über Schmerzen klagen, ohne dass ein körperlicher Befund festgestellt werden kann. „Manche Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben quälende Schmerzen, ohne dass sie selber unterscheiden können, ob sie tatsächlich körperlich erkrankt sind oder nicht“, erklärt Dr. Krauß. „Auch in anderen Kulturen werden seelische Beschwerden oftmals körperlich zum Ausdruck gebracht. Erst im Gespräch kann der Psychiater oder Psychotherapeut feststellen, ob es eine seelische Ursache gibt, wie eine Depression oder einen Konflikt.“

Kontakt

Marien Hospital Hombruch
Klinik für Psychiatrie u. Psychotherapie:
Tel.: (0231) 7750 - 45500
psychiatrie@marien-hospital-dortmund.de

St. Marien-Hospital Hamm
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik  

Tel. (02381) 18-2526
psychiatrie@marienhospital-hamm.de