Ausgabe Herbst 2016 "Schmerz lass nach"

Schmerztherapie am OTZ

Individuelle Lösungen für jedes Problem

Die konsequente Vermeidung von Schmerzen im Rahmen eines operativen Eingriffs sowie die Behandlung von Schmerzen infolge von Unfällen und degenerativen Veränderungen an Knochen, Gelenken, Sehnen und Bändern gehört zu den Kernaufgaben des Orthopädisch-Traumatologischen Zentrums (OTZ). Die beiden Chefärzte, Privatdozent Dr. Ulrich Quint und Dr. Hanns Helling, erläutern im Gespräch mit „Gesundheit im Dialog“-Redakteur Dr. Holger Böhm ihre Therapiekonzepte.

Schmerztherapie am Orthopädisch-Traumatologischen Zentrum: Individuelle Lösungen für jedes Problem

Böhm: Die Forderung nach dem schmerzfreien Krankenhaus ist in aller Munde. Wie weit sind Sie da?

Quint: Wir liegen sehr weit vorne. Als Mitglied der interdisziplinären Expertenkommission, die die Leitlinie für die Behandlung perioperativer Schmerzen herausgibt, werden alle aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse sofort eingesetzt, so dass wir am OTZ stets auf dem neuesten Stand sind.

Helling: Eine Operation ist immer auch eine Verletzung und folglich mit Schmerz verbunden. Weil wir wissen, welche Schmerzen zu erwarten sind, können wir bereits im Vorfeld schmerzlindernde Maßnahmen in die Wege leiten. Wir haben Strategien entwickelt, um dem Patienten unter der Operation und danach den Schmerz zu nehmen. Wir warten nicht, bis der Patient sagt: Es tut weh.

Quint: Wir kooperieren eng mit den Narkose-Ärzten, die mit ihren Kathetertechniken gezielt anhaltende Schmerzfreiheit herstellen können. Die Katheter werden bereits zu Beginn der Operation an die betroffenen Körperregionen gelegt und bleiben für eine anschließende, sehr wirksame Schmerztherapie liegen.

Böhm: Wie behandeln Sie Patienten, die mit Schmerzen ins Krankenhaus kommen?

Quint: Das sind in erster Linie Patienten mit Rückenschmerzen, die im Notfall in unserer Ambulanz Tag und Nacht einen kompetenten Ansprechpartner finden. Wir kommen dem Patientenwunsch zur schnellen Hilfe durch ambulante Therapien auch mit Infusionen und Injektionen im Notdienst nach. Darüber hinaus haben wir eine spezialisierte Abteilung für die stationäre unimodale Schmerztherapie, die als Bindeglied zwischen der konservativen Behandlung in der Praxis und offenen Verfahren der Orthopädischen Chirurgie fungiert. Wenn der niedergelassene Kollege mit Medikamenten, physikalischer Therapie und medizintechnischen Hilfsmitteln nicht mehr weiter kommt, werden hier im Rahmen eines etwa sechstägigen Aufenthaltes differenziert strukturelle Ursachen gesucht und kleinere minimal-invasive interventionelle Eingriffe wie zum Beispiel bildgeführte Injektionen, die Radiofrequenztherapie oder die Behandlung mit Multifunktionssonden durchgeführt.

Ein weiterer Baustein in unserem Konzept ist die stationäre multimodale Therapie für Menschen mit chronischen Schmerzen. Diese Patienten werden von einem interdisziplinären Team betreut, das sehr eindringlich und ganzheitlich auf die physischen, psychischen und sozialen Aspekte des Krankheitsgeschehens schaut. Im Rahmen der Untersuchungen und Behandlungen erhalten sie typischerweise in zwei Wochen über 40 Anwendungen.

Dr. Hanns-Joachim Helling, Chefarzt am OTZ
Dr. Hanns-Joachim Helling, Chefarzt am OTZ

Helling: Zwei besondere Schwerpunkte am OTZ sind ferner die Behandlungen für Patienten mit Hand- und Fußschmerzen. Für sie haben wir gesonderte Sprechstunden eingerichtet, die von qualifizierten Oberärzten ergänzt werden. Oft sind es kleine Dinge, die weh tun. Ein typisches Beispiel sind Sehenengpässe am Handgelenk oder am Ellenbogen. Hier sind wir auf die Zusammenarbeit mit den Neurologen angewiesen, die mit ihren Methoden den eigentlichen Schmerzherd sehr genau eingrenzen können. Verbreitet ist auch der verschleißbedingte Schmerz am Daumen-Sattelgelenk, der sehr gut behandelt werden kann.

In der fußchirurgischen Sprechstunde werden wir am häufigsten von Patienten aufgesucht, die über Schmerzen am „großen Onkel“ klagen. Dann geht es oft um die Frage, ob der Patient tatsächlich seinen Fuß an modisches Schuhwerk anpassen lassen möchte oder ob er nicht doch lieber Schuhe tragen möchte, die zu seinen gottgegebenen Füßen passen. Abgesehen davon gibt es natürlich operative Methoden, den Großzeh so auszurichten, dass er wieder schmerzfrei abgerollt werden kann.

Quint: Ganz gleich, ob ein Patient mit einer Fehlstellung, einem Sehenproblem oder einem Fersensporn kommt – wir legen immer großen Wert darauf, nicht nur die fachspezifische Behandlung bieten zu können, sondern stets auch den Menschen als Ganzen zu betrachten. Schmerzen am Fuß können sich über den Bewegungsapparat ausbreiten und so weit entfernte Körperregionen in Mitleidenschaft ziehen. Umgekehrt können im Bereich der Wirbelsäule Nervenschäden vorliegen, die sich in den Füßen bemerkbar machen.

Helling: Der Fersenschmerz ist da ein ganz typisches Problem. Der Fußchirurg muss herausfinden, ob eine knöcherne Fehlbildung vorliegt, und wenn ja, welche. Er muss aber auch bedenken, ob nicht eine Überlastung der Wadenmuskulatur die Ursache sein könnte.

Quint: Wichtig ist, dass allen operativen Maßnahmen eine konservative ambulante Behandlung vorausgegangen ist. Bei vielen Beschwerden helfen orthopädische Schuheinlagen, Injektionen, physiko-mechanische Maßnahmen. Uns erreichen dann die Fälle, bei denen eine konservative ambulante Behandlung erschöpft ist.

Helling: Häufig sehr schwer behandelbar ist beispielsweise ein chronischer Schmerz der Achillessehne, der die Patienten oftmals über Monate immer wieder zum Arzt führt. Im MRT zeigt sich dann, dass die Achillessehne verschleißbedingte Risse aufweist, auf die sie mit Entzündungsschüben, Umbauten und am Ende einer enormen Verdickung reagiert. Manchmal kann man dies durch Ausschälen behandeln, manchmal muss man sogar die Achillessehne durch eine Sehnenübertragung ersetzen. Das sind anspruchsvolle chirurgische Eingriffe, die außerordentlich erfolgreich sein können.

Ein anderes mit Schmerzen verbundenes Sehnenproblem ist eine Sehne am Fußinnenrand. Wenn sie beim Erwachsenen verschleißt, führt dies zu chronischen Schmerzen und am Ende zum erworbenen Plattfuß. Die Beschwerden werden zunächst konservativ behandelt, bei Versagen greifen Ersatzplastiken und insbesondere Umstellungsoperationen an den Fußwurzelknochen.

Der typische Schmerz bei Gelenkverschleiß ist oft dem Übergewicht geschuldet oder eine späte Unfallfolge. Die Antwort in der Fußchirurgie sind Operationen der Gelenke, so dass der Fuß mit der Sohle aufgesetzt und wieder schmerzfrei abgerollt werden kann.

Privatdozent Dr. Ulrich Quint, Chefarzt am OTZ
Privatdozent Dr. Ulrich Quint, Chefarzt am OTZ

Quint: Ganz wichtig ist die Frage der Prophylaxe: Viel barfuß Laufen ist extrem wichtig, weil es dabei Reflexmuster gibt, die sich über das Bein bis in die Wirbelsäule hinein auf den ganzen Körper fortsetzen und sogar Rückenschmerzen positiv beeinflussen können. Darüber hinaus wird die Wadenmuskulatur gefordert und es kommt weniger zu Thrombosen und Gefäßverschleiß. Die Hormonausschüttung wird angeregt und der Stoffwechsel wird verbessert. Der trockene gut trainierte Fuß beugt auch dem Fußpilz vor. Es gibt ganz viele Erkrankungen, denen mit barfuß Laufen vorgebeugt werden kann.

Böhm: Welche Rolle spielt Osteoporose bei den Schmerzpatienten in ihrer Klinik?

Quint: Bewegung ist Leben, Bewegungsmangel ist ein Hauptgrund für die Osteoporose. Osteoporose bedeutet Strukturveränderung des Knochens durch eine Verschiebung des Gleichgewichts von Knochenauf- und abbau. Wir wissen, dass regelmäßige Muskelanspannung Knochen zum Wachstum angeregt. Allein die statische Belastung verbessert die Knochenstruktur. Wir diskutieren über so viele Behandlungsmaßnahmen, vergessen aber gerne die wichtigste: die Bewegungstherapie.

In der Klinik beschäftigen wir uns allerdings vor allem mit den Komplikationen einer Osteoporose. Die Festigkeitsminderung führt dazu, dass sich Knochen bei geringer Krafteinwirkung spontan verformen und brechen. Deshalb gehören gelenknahe Brüche an der Hand sowie an Oberarm- und Oberschenkelknochen zu den Schwerpunkten unserer Klinik.

Bei osteoporotischen Wirbelfrakturen sintert der erweichte Knochen wie ein Bergwerkstollen in sich zusammen. Früher wurden solche Brüche durch Korsett ruhiggestellt. Heute können wir einen Katheter in den Wirbel einführen und über einen kleinen Ballon Kontrastmittel einfüllen, Dadurch wird die äußere Kontur des Wirbels wieder hergestellt und der verbleibende Hohlraum wird mit Knochenzement aufgefüllt. Wir sehen hier oft spektakuläre Erfolge, wenn Patienten nach der Operation spontan völlig beschwerdefrei sind und ohne Korsett und Schmerzmedikamente sofort aufstehen und laufen können.

Kontakt

Orthopädisch-traumatologisches-Zentrum
am St. Marien-Hospital Hamm
Tel. (02381) 18-2401
traumazentrum@marienhospital-hamm.de

Weiterführende Informationen

www.gesundheitsverbund-hamm.de