Ausgabe Herbst 2016 "Schmerz lass nach"

Schaufensterkrankheit

Verengungen und Verschlüsse im Gefäßsystem der Beine

„Verengte Blutgefäße als solche tun nicht weh“, sagt Chefarzt Dr. Sebastian Roth, „wohl aber die Organe und Gewebe, die bei Minderdurchblutung nicht mehr versorgt sind.“ Verengungen und Verschlüsse im Gefäßsystem können in allen Körperbereichen Beschwerden verursachen. Neben Herzinfarkt und Schlaganfall gehören Durchblutungsstörungen in den Beinen zu den verbreiteten Krankheitsbildern.

Schaufensterkrankheit: Verengungen und Verschlüsse im Gefäßsystem der Beine

Engstellen der Arterien im Ober- und Unterschenkel führen beim Laufen zu muskelkaterartigen Schmerzen in den Waden. Wenn der Betroffene stehen bleibt, kann sich der Muskel wieder erholen und die Schmerzen lassen nach. Manche Patienten neigen dazu, die erzwungenen Pausen beim Gehen zu verschleiern, indem sie zum Beispiel Interesse an jedem Schaufenster auf ihrem Weg vortäuschen. Deshalb wird die Erkrankung oft auch Schaufensterkrankheit genannt.

Wenn der Durchfluss in den Beckenarterien in Mitleidenschaft gezogen ist, können Schmerzen in Oberschenkel und Gesäß auftreten. Im fortgeschrittenen Stadium leiden die Patienten auch in Ruhe unter anhaltenden Schmerzen, insbesondere wenn sie die Beine hochlegen. Auf die Dauer sind die unterversorgten Gewebe gefährdet. Früher sprach man vom Raucherbein, weil vornehmlich Raucher betroffen waren. Heute spielt auch die wachsende Gruppe der Diabetiker eine immer größere Rolle, weil bei ihnen die Gefäße vorzeitig altern.

Am St. Marien-Hospital sind im Zuge der Neustrukturierung der Abteilungen alle an der Behandlung von Erkrankungen des Blutgefäßsystems beteiligten Facharztgruppen im zertifizierten Gefäßzentrum an der Nassauerstraße zusammengeführt worden. Hier kümmern sich Radiologen, Angiologen, Gefäßchirurgen, Intensivmediziner und Anästhesiologen gemeinsam um die umfassende Versorgung der Patienten. Sie arbeiten in enger Kooperation mit dem Medizinischen Versorgungszentrum für Gefäßerkrankungen, das die ambulante Vor- und Nachbehandlung übernimmt.

„Die Ziele unserer therapeutischen Angebote sind die Linderung von Schmerzen und die Verbesserung der Lebensqualität bei eingeschränkter Gehfähigkeit“, erläutert Dr. Roth, der das Gefäßzentrum leitet. „An oberster Stelle geht es immer darum, den Verlust von Gliedmaßen zu verhindern.“

Für die Behandlung von Gefäßverschlüssen gibt es verschiedene Verfahren. Dabei haben die minimal-invasiven, weniger belastenden Methoden der Radiologen und Angiologen den Vorrang vor den chirurgischen Maßnahmen. Bei diesen Verfahren wird ein Ballon an die Engstelle herangeführt, um die betroffene Arterie wiederzueröffnen und zu erweitern. Anschließend wird ein kleines Gitterröhrchen, ein sogenannter Stent, eingebracht, um den Durchfluss langfristig zu sichern. Ganz neue Technologien erlauben es inzwischen auch, die Gefäße von innen mit einer Art Bohrer aufzufräsen. Dabei werden die Ablagerungen nicht einfach nur an den Gefäßwänden zusammengequetscht, sondern abgetragen. Neu sind auch medikamentenbeschichtete Ballons, mit denen Wirkstoffe eingebracht werden, die ein erneutes Zuwuchern der Gefäße verhindern sollen. Medikamentenbeschichtete Stents, wie sie für Herzkranzgefäße verwendet werden, haben sich dagegen im Bereich der Beingefäße nicht bewährt.

Wenn diese Methoden ausgeschöpft sind, steht als Alternative die operative Ausschälung am eröffneten Gefäß zur Verfügung. Dabei wird die innere verkalkte Gefäßwandschicht herausgelöst und entfernt. Im Beckenbereich kann die Ausschälung auch am geschlossenen Gefäß durchgeführt werden. Dazu wird ein Ring verwendet, um die Ablagerungen wie ein Rohr von der Gefäßwand abzustreifen und am Stück herauszuziehen. Diese Technik hat den Vorteil, dass sie die Gefahr einer überschießenden Narbenbildung deutlich reduziert. Als weitere Verfahren bietet die Gefäßchirurgie die Umleitungsoperation, also den sogenannten Bypass mit der "Krampfadervene" oder mit Kunststoffprothesen.

„Die langfristige Erfolge der Behandlung eines Gefäßverschlusses hängen von der individuellen Konstitution ab“, sagt Dr. Roth. „Es gibt Menschen mit sehr aktiver Artheriosklerose, die nach einer Behandlung schnell an anderer oder gleicher Stelle erneut einen Verschluss haben. Es gibt aber auch Patienten mit moderaten Aktivitäten, die viele Jahre Ruhe haben. Da spielen Risikofaktoren und die Genetik eine Rolle.“

Weiterführende Informationen

Informationen der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin

Video der Apotheken-Umschau

Kontakt

St. Marien-Hospital Hamm
Klinik für Gefäßchirurgie

Tel. (02381) 18-2201
sebastian.roth@marienhospital-hamm.de