Ausgabe Herbst 2016 "Schmerz lass nach"

Multimodale Schmerztherapie

Schmerz, der nicht vergeht

Frieda S. ist eingeladen, doch sie geht nicht hin. Sie hat ständig Schmerzen und kann nie lange sitzen. Überhaupt kann sie nur aus dem Haus, wenn es warm ist, Kälte macht alles nur noch schlimmer. Einkaufen, Putzen, Kochen – immer begleitet sie der Schmerz. Deshalb liegt sie viel und tut wenig. Selbst zum Arzt geht sie nur, wenn man in der Nähe parken kann.

Multimodale Schmerztherapie: Schmerz, der nicht vergeht

Menschen mit chronischen Schmerzen sind auf ihr Leiden fixiert. Alle Gedanken kreisen um das Problem. Der ganze Tag, das ganze Leben ist davon durchdrungen. Frieda S. ist eine erfundene Person, aber sie steht für viele, die so oder ähnlich leiden. Und das über Jahre. Sie hat sich immer mehr zurückgezogen, weil sie sich unverstanden und nicht ernst genommen fühlt. Gute Laune und der Spaß am Leben sind ihr längst vergangen. Sie hat ihre Aktivitäten weitgehend eingestellt, weil ihr jede Bewegung Schmerzen bereitet und sie Angst hat, dass es schlimmer wird. Wenn sie liegt, ist es erträglicher.

Anfangs hat sie natürlich versucht, ärztliche Hilfe zu finden. Sie ist von Pontius bis Pilatus gelaufen und hat eine Unzahl von Untersuchungen über sich ergehen lassen. Keine Behandlung hat sie von ihren Schmerzen befreien können. Sie denkt, wo Schmerzen sind, muss es doch eine Ursache geben, und versteht nicht, dass die Ärzte nichts finden können. Inzwischen hat sie resigniert. Ihren Job hat sie schon lange aufgegeben. Jetzt lebt sie von Hartz IV.

Nach ihrer langen Irrfahrt auf der vergeblichen Suche nach Hilfe ist Frieda S. in einem Teufelskreis gelandet. Weil sie Schmerzen hat, vermeidet sie Bewegung. Sie wird immer inaktiver. Doch dadurch wird alles nur schlimmer. Jede Bewegung tut mehr weh und schließlich kann sie sich kaum noch aufraffen, überhaupt etwas zu tun. Sie hat keine Chance, aus eigener Kraft einen Weg aus dieser Sackgasse zu finden. Doch es gibt Möglichkeiten, wie sie ihre Situation verbessern und wieder Lebensqualität für sich zurückgewinnen kann.

Alle ziehen an einem Strang

Multimodale Schmerztherapie: Schmerz, der nicht vergeht

Die multimodale Schmerztherapie bietet einen interdisziplinären Ansatz, bei dem Experten aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen gemeinsam den ganzen Menschen in seinen körperlichen, seelischen und sozialen Kontexten in den Blick nehmen. Im Zuge eines rund zweiwöchigen stationären Aufenthaltes kümmern sich die Spezialisten vom St.-Johannes-Hospital in Dortmund oder vom St. Marien-Hospital in Hamm intensiv um die Patienten und versuchen ihnen Wege aufzuzeigen, wie sie sich langfristig und nachhaltig selbst helfen können.

Die Ursachenforschung beginnt mit einem umfangreichen Fragebogen, der nicht nur die Krankengeschichte erfasst, sondern auch sehr ausführlich die persönliche Biographie, die individuellen Befindlichkeiten und die Lebensumstände betrachtet. Daran schließen sich Gespräche an. Der Patient spricht mit dem Schmerztherapeuten, dem Physiotherapeuten, dem Psychiater und je nach Fall weiteren Experten über seine Situation. Diese Gespräche dienen einerseits dazu, die Therapeuten zu informieren. Sie sollen aber andererseits auch den Patienten darüber aufklären, dass das Schmerzerleben nicht allein von körperlichen Befunden, sondern darüber hinaus von vielen anderen Faktoren abhängt. Das Gespräch soll den Patienten anregen, Zusammenhänge zu erkennen, die sein Schmerzerleben ungünstig beeinflussen.

Aktivierung gehört zur Therapie

Multimodale Schmerztherapie: Schmerz, der nicht vergeht
Dr. Sabine Strupp, Oberärztin am St. Marien-Hospital Hamm

Danach tragen die Experten die Eindrücke aus ihrer jeweiligen Perspektive zusammen und entwickeln eine gemeinsame Strategie, um dem Patienten Linderung zu verschaffen und seine Situation zu stabilisieren. Natürlich werden in diesem Rahmen die körperlichen Befunde berücksichtigt. Auch die Schmerzmedikation wird angepasst beziehungsweise optimiert und gegebenenfalls mit unterstützenden Psychopharmaka ergänzt. Aber die direkte Schmerzbehandlung ist nur ein Aspekt. Genauso wichtig ist es den Schmerzmedizinern, die Patienten zu aktivieren. Bewegung gehört zur Therapie, damit die Patienten am eigenen Leib erfahren, dass es ihnen dadurch besser geht.

Schmerz ist eine subjektive Erfahrung, die nicht wirklich gemessen werden kann. Die Mediziner behelfen sich deswegen mit Schmerzskalen, auf denen die Patienten sich zwischen Werten von null (schmerzfrei) bis zehn (unerträglich) selbst einstufen. Für sich genommen besagt diese Einordnung noch nicht viel. Aber wenn man die Patienten Tag für Tag auffordert, sich neu einzustufen, dann ergibt sich ein Verlauf, der die Verbesserung dokumentiert. Arzt und Patient können sich auf diese Weise einen Eindruck vom Erfolg der Therapie verschaffen.

Schmerzen haben auch etwas mit der Einstellung zum Leben zu tun. Es gibt beispielsweise Menschen, die sich ständig überfordern, immer auf Volltouren laufen und keine Rücksicht auf ihr Leistungslimit nehmen. Sie erschöpfen ihre Reserven und verstärken dadurch ihr Schmerzerleben. Wer versteht, wo seine Grenzen sind, kann sich auch Erleichterung verschaffen, indem er beizeiten eine Ruhepause einschiebt und rechtzeitig einen Gang herunterschaltet.

Entspannung gehört ebenso zum Leben wie ein angemessenes Maß an Aktivität. Beides können wir nutzen, um unser Befinden zu steuern und zu kontrollieren. Es komme entscheidend darauf an, erklären die Schmerzmediziner aus Hamm und Dortmund, Dr. Sabine Strupp und Dr. Chaled Fahimi, dass die Patienten sich nicht von ihren Beschwerden beherrschen lassen, sondern selbst das Zepter in die Hand nehmen.

Ein neues Programm für das Schmerzgedächtnis

Multimodale Schmerztherapie: Schmerz, der nicht vergeht
Dr. Chaled Fahimi, Oberarzt am St.-Johannes Hospital Dortmund

Das ist ein schwerer Weg, denn die Patienten müssen lernen, ihr über lange Zeit tief eingeprägtes Schmerzgedächtnis umzuprogrammieren. Der Schmerz ist zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden und lässt kaum mehr Platz für andere Gedanken. Es geht darum, ihn wegzudrängen, ihm eine geringere Bedeutung beizumessen. Der Patient muss lernen, so die Schmerzmediziner, das Schmerzerleben zu begrenzen, indem er sich ablenkt und trotz seiner Beschwerden aktiv wird. „Dass dies funktionieren kann, ist eine wichtige Erfahrung, die wir unseren Patienten vermitteln wollen“, sagt Dr. Fahimi.

In der multimodalen Schmerztherapie gibt es keine Patentrezepte. „Nicht jede Maßnahme ist für jeden in gleicher Weise geeignet“, betont Dr. Strupp. „Wir versuchen, die Alltagskompetenz des Patienten im Umgang mit seinem Schmerz zu stärken. Wenn dies gelingt, erfährt er Linderung und kann wieder Freude am Leben finden.“

Kontakt

St.-Johannes-Hospital
Abteilung für Schmerzmedizin:

Tel. (0231) 1843-35830
schmerztherapie@joho-dortmund.de

St. Marien-Hospital Hamm
Multimodale Schmerztherapie

Tel. (02381) 18-2001
sabine.strupp@marienhopsital-hamm.de

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