Ausgabe Herbst 2016 "Schmerz lass nach"

Minderjährige Flüchtlinge in Deutschland

Schmerz unter psychischem Stress?

Verlusterfahrungen tun weh. Zumindest behauptet dies der Volksmund. Der Ärztliche Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulanz am Hohen Wall unterscheidet zwischen körperlichen Schmerzempfindungen und seelischen Traumata. Im Gespräch mit „Gesundheit im Dialog"-Redakteur Dr. Holger Böhm erläutert Karlheinz Fluchs den Unterschied im Zusammenhang mit minderjährigen Kriegsflüchtlingen.

Minderjährige Flüchtlinge in Deutschland: Schmerz unter psychischem Stress?

Fluchs: Von wenigen Ausnahmen abgesehen, verursachen bestimmte körperliche Reize bei allen Menschen Schmerz. Wenn ich jemanden kneife, empfindet er Schmerz. Ähnlich wird der Verlust beispielsweise der eigenen Mutter von einem Jugendlichen als großes Leid erfahren. Das muss aber nicht zu einem seelischen Trauma führen, kann jedoch Auslöser sein. Zu einem Trauma wird dieser Verlust dann, wenn der Heranwachsende seelisch an der Grenze seiner Möglichkeiten zur Verarbeitung ist, das Erlebte seelisch nicht mehr bewältigen und integrieren kann. Nicht jeder Flüchtling ist im kinder- und jugendpsychiatrischen Sinne traumatisiert.

Böhm: Aber es gibt doch einen landläufigen Begriff von seelischem Schmerz: Ein naher Angehöriger ist tödlich verunglückt, er ist plötzlich nicht mehr da – das tut weh!

Fluchs: Dieses dem Schmerz ähnliche Leid ist im kinder- und jugendpsychiatrischen Sinne noch kein Trauma. Oft gelingt bei solch einem Verlust eine Trauerverarbeitung, ohne dass eine seelische Störung mit psychiatrischen Symptomen entwickelt wird.

Böhm: Was verstehen Sie denn unter einem Trauma?

Fluchs: Ich diagnostiziere eine Posttraumatische Belastungsstörung, wenn ein Kind oder ein Jugendlicher nach einem schrecklichen Ereignis im Ablauf von sechs Monaten eine Kombination von bestimmten Symptomen zeigt, beispielsweise einschießende Erinnerungen, quälende Träume dieses Ereignisses verbunden mit viel Angst, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, auch Kopfschmerzen und Angst vor einer Wiederholung der Situation. Darüber hinaus erleben die Patienten ihr Leben so, als ob es nicht wirklich wäre, als ob sie „im falschen Film“ sind.

Im Gegensatz dazu steht eine Anpassungsstörung, bei der Kinder und Jugendliche unter Ein- und Durchschlafstörungen, Ängsten und Stimmungsschwankungen leiden, weil sie ihre neue Lebenssituation weit weg von zuhause, die Sorge um die Familie, z.B. in einem Kriegsgebiet, oder die Angst vor einer Abschiebung nur schwer ertragen können. Auch psychosomatische Symptome wie Kopfschmerz können Ausdruck einer Anpassungsstörung sein. Die Seele ist überfordert und das Nervensystem reagiert mit.

Böhm: Wovon hängt es ab, ob ein Heranwachsender solche psychiatrischen Symptome entwickelt oder nicht?

Fluchs: Das hängt von den altersgemäßen Ressourcen über die ein Kind bzw. Jugendlicher verfügt ab, und von der Unterstützung durch Bezugspersonen. Vor allem auch davon, welche Stärke er aus guten Erfahrungen in familiären Bindungen schöpfen kann. Minderjährige Flüchtlinge, die oft gut kümmernde und liebevolle Eltern erlebt haben, zeigen für Ihr Lebensalter erstaunliche Stärken und können mit Unterstützung gute Bewältigungsstrategien entwickeln.

Böhm: Wie unterscheiden Sie zwischen körperlich verursachtem Schmerz, einer Trauerverarbeitung, einem seelischen Trauma oder der Belastung durch die aktuelle Lebenssituation?

Fluchs: Ich gehe pragmatisch von dem Leiden, der Beschwerde aus, mit dem ein minderjähriger Flüchtling kommt, und versuche zu verstehen, in welchem Zusammenhang es steht. Gibt es eine durch Untersuchungen zu erhärtende körperliche Ursache, haben sich Beschwerden im Zusammenhang mit traumatisierenden Ereignissen entwickelt, sind Symptome eher den heutigen Lebensumständen geschuldet?

Böhm: Wie therapieren Sie die jungen Menschen?

Fluchs: Therapie kann schreckliche Erfahrungen nicht ungeschehen machen. Natürlich gibt es bewährte Therapieverfahren. Wichtig ist vor allem, dem Schmerz einen Platz im Leben zu geben und zu helfen, damit sinnvoll weiter leben zu können. Überhaupt kommt es mir, wie schon gesagt, darauf an, die Stärken und Ressourcen der minderjährigen Flüchtlinge zu betonen. Die Kinder und Jugendlichen müssen auch hier in Deutschland erfahren, dass sie nicht allein sind, dass sie umsorgt und gesehen werden, dass sie uns etwas bedeuten. Dann können sie wieder an ihre Möglichkeiten im Leben und ihre eigenen Stärken glauben.