Ausgabe Winter 2015 "Gift und Galle"

Chemotherapie

Heilsamer Giftcocktail

Der Wert einer Chemotherapie ist eine statistische Größe, die im Einzelfall nie verbindlich ist. Deshalb, so Privatdozent Dr. Georg Kunz, der Chef des Dortmunder Brustzentrums am St.-Johannes-Hospital, müssen in jedem einzelnen Fall die besonderen Umstände abgewogen werden.

Chemotherapie: Heilsamer Giftcocktail

Die Chemotherapie erhöht die Wahr­schein­lichkeit, vom Krebs geheilt zu werden. Wenn Heilung nicht möglich ist, verspricht sie zumindest die Chance auf längeres Über­leben und den Erhalt der Lebens­qualität. Der Sinn dieser Therapie­form liegt darin, Krebs­zellen aufzuspüren und abzutöten, die in den Körper gestreut haben. Aus solchen Ab­kömmlingen eines primären Tumors können an anderen Stellen im Körper erneut Krebs­geschwulste heranwachsen. Doch der eingesetzte Medikamenten­cocktail ist nicht nur für die Krebs­zellen tödlich, sondern er beein­trächtigt alle teilungs­aktiven Gewebe des Körpers. Das bedeutet der Patient muss erhebliche Neben­wirkungen in Kauf nehmen.

Die Wahr­schein­lichkeit, dass sich in der Folge der erfolg­reichen Entfernung des Erst­tumors auf Dauer Metastasen bilden, liegt bei Brust­krebs – gemittelt über alle Fälle – bei etwa 30 Prozent. Diese Zahl variiert jedoch sehr stark mit dem Typ und dem Stadium des Tumors. Für viele Patientinnen ist die Gefahr der Metastasierung deutlich geringer. In anderen Fällen liegt sie höher. Die Chemo­therapie soll diese Gefahr vermindern. Das Ausmaß, in dem dies statistisch erreicht werden kann, hängt ebenfalls von Tumortyp und Krankheits­stadium ab.

„Es gibt Fälle, in denen die Ent­scheidung relativ klar auf der Hand liegt“, sagt Dr. Kunz. „Wenn die Wahr­schein­lichkeit der Metastasierung vergleichsweise groß ist und der mögliche Effekt der Chemo­therapie diese Gefahr deutlich, d.h. im zwei­stelligen Prozent­bereich, senkt, steht der Sinn der Chemo­therapie außer Frage. Dennoch liegt die Ent­scheidung für oder gegen eine solche Maß­nahme immer bei der Patientin, denn auch persönliche Umstände wie das Alter oder persönliche Lebens­umstände spielen natürlich eine Rolle.“

Statistische Chance ohne Erfolgsgarantie

Das Kriterium für den Erfolg der Chemotherapie ist die Zehn-Jahres-Überlebenszeit. Bei schwer behandelbaren Brustkrebsformen kann der Wert ohne Chemotherapie in einem sehr ungünstigen Fall zum Beispiel bei 55 Prozent liegen. Mit Chemotherapie kann er sich auf bis zu 75 Prozent erhöhen. Das bedeutet bei hundert betroffenen Patientinnen einen Unterschied von 55 zu 75 Frauen, die die nächsten zehn Jahre überleben. Niemand kann allerdings sagen, welche Frau im Einzelfall von der Chemotherapie profitiert und welche nicht. Die Chemotherapie ist eine Investition in die Zukunft, die sich lohnen kann, aber nicht auszahlen muss.

Für die weitaus meisten Brustkrebspatientinnen stellt sich die Situation nicht so dramatisch dar, wie in dem soeben beschriebenen Beispiel. Sie haben einen Ersttumor mittlerer Größe ohne oder nur mit einem Lymphknotenbefall, der in seiner Entwicklung zwar merklich, aber noch nicht sehr stark fortgeschritten ist. Es handelt sich weder um besonders leichte noch um besonders schwere Fälle. Die Wahrscheinlichkeit des Zehn-Jahres-Überlebens liegt nach der Erstbehandlung typischerweise so um die 80 Prozent. Der zu erwartende Effekt einer Chemotherapie senkt das Risiko um eine einstellige Prozentzahl. D.h. statt 20 von hundert Frauen können vielleicht 15 Frauen nicht geheilt werden.

In diesen Fällen ist es für die Senologen und Onkologen nicht immer einfach eine Empfehlung für oder gegen die Chemotherapie auszusprechen. Sie beraten jeden einzelnen Fall ausgiebig in der Tumorkonferenz. Bei der Abwägung können sie eine Palette von mehr als tausend verschiedenen Rezepturen für Chemotherapien in Erwä­gung ziehen, die alle jemals vorgekommenen indivi­duellen Umstände berücksichtigen. Sie wählen gemeinsam die erfolgversprechendste Chemotherapie und berechnen genau den statistischen Vorteil für die Patientin, die anschließend ausführlich aufgeklärt wird. Letzten Endes muss sie selbst entscheiden, ob ihr die Risikomin­derung so viel wert ist, dass sie die Nebenwirkungen auf sich nimmt.

Es gibt keine „richtige“ Entscheidung

Wichtig ist Dr. Kunz, dass die Entscheidung für oder gegen die Chemotherapie keine Frage von richtig oder falsch ist. Der mögliche Vorteil ist eine statistische Größe. Das bedeutet: Man kann auch im Nachhinein, wenn Metastasen aufgetreten sind, weder definitiv behaupten, dass es die Chemotherapie war, die geholfen hat, noch dass eine Chemotherapie die Metastasen hätte verhindern können. Die rein statistische Tatsache, dass die Chance auf ein langes Überleben der Krankheit ein wenig steigen kann, gibt weder eine Garantie noch beschwört sie fatale Folgen. „Aber es ist wichtig“, betont Dr. Kunz, „dass die Frauen sich von vorne herein darüber im Klaren sind, ob sie im Fall von Metastasen mit dieser Argumentation leben und ihre Einstellung auch gegen Anwürfe aus dem sozialen Umfeld vertreten können. Wer das nicht zu können glaubt, der sollte sich lieber für die Therapie entscheiden.“

Zitat

Chefarzt PD Dr. Georg Kunz, Leiter des Dortmunder Brustzentrums

"Die Chemotherapie ist ein anstrengender Weg. Aber es ist eine vorübergehende Maßnahme, von der sich die Frauen in der Regel gut erholen. Wenn es überhaupt nicht geht, kann das Therapieregime angepasst oder natürlich auch abgebrochen werden."

Chefarzt PD Dr. Georg Kunz, Leiter des Dortmunder Brustzentrums

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